Die Nacht der Predigt

Dekan Ralf Gebauer hat in die Stadtkirche eingeladen zur „Nacht der Predigt“ und seine Tochter führte sehr gekonnt durch den Abend.  Die Kirche war gut gefüllt mit Leuten, die zuhören konnten und sich verschiedenen Predigten aus der Gegenwart und Vergangenheit stellten. Ein Kreis von Pfarrern hatte sie ausgesucht.
Zeit zum Nachdenken hatte man durch die Klänge  großartig gespielter Saxophone (Claudia Tesorino) Der Schauspieler Thomas Thieme las die Predigten.
Im Mittelpunkt stand zunächst die Predigt Luthers zur Versuchungsgeschichte, die er in der Stadtkirche St. Georg 1537 zum berühmten Konvent gehalten hat. Die Schmalkalder Gemeinde hat sie schon oft in Ausschnitten gehört. Heute gab es die ganze Predigt. Es ist nicht ganz leicht Luther in seiner Textauslegung zu folgen. Viele Bilder und vor allem die Bezüge zur konkreten damaligen Situation sind heute noch sehr eindrücklich.
Ludwig Hofackers Predigt zum gleichen Text aus der Zeit des Schwäbischen Pietismus verdeutlicht eine ganz andere Sicht der Dinge. Es geht um die persönliche Überwindung der „satanischen Versuchung“. Bezüge zur gesellschaftlichen Wirklichkeit fehlen. Durch unseren Verstand werden wir verführt: Leichtsinniger Unglaube ist das Problem der Menschen. Das laue und erstorbene Christentum ist in der Hand des Teufels, wenn man nicht Christus treu bleibt… Ein Text kann kaum unterschiedlicher gepredigt werden. 1847 hat Wilhelm Löhe (einer der Gründer der Diakonie) in seiner Predigt zum Text erklärt, wie Armut zur Versuchung wird, ebenso wie der Hochmut der Reichen und die Versuchung der Macht und Gewalt. Allen diesen Versuchungen sind wir ausgesetzt und können ihnen durch Christus widerstehen. An manchen Stellen hörte man unter den Zuhörern: So ist es… Diese Predigt ist uns nicht mehr so fremd.

Oder schafft eine gegenwärtigere Predigt mehr Nähe?
Nach der Pause macht die Predigt eines Pfarrers Todt aus dem 1. Weltkrieg deutlich, wie dramatisch es ist, wenn der Pfarrer der Versuchung erliegt, dem Nationalismus, der Feindschaft und einem verherrlichtem Krieg Raum gibt. Eine Botschaft, die nicht mehr christlich zu nennen ist, auch wenn sie in einer Kirche gepredigt wurde.
Eine Predigt von 1933, die den „Aufbruch“ des Volkes reflektiert und unsicher ist, wohin es geht, ist auch schwer zu verdauen.

Eine Predigt, die Pfarrer Wolfgang Schulte 1990 in Oberschönau hielt, kommt uns wiederum sehr nahe. Er hat sie am Sonntag vor dem Fest der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 gehalten. Einerseits ist zu spüren, dass diese Zeit ein Neuanfang darstellte, für den man dankbar sein musste. Aber es spiegelt sich schon wieder, dass die Euphorie vom November 1989 verflogen war und die Probleme langsam spürbar wurden, die sich aus den Veränderungen ergaben. Man ist gleich angeregt, eigene Erlebnisse der damaligen Zeit zu erzählen, die nun auch schon wieder da lange vergangen ist. Diese sehr viele Fragen reflektierende Predigt verdeutlich aber auch, dass man sie heute so nicht mehr halten könnte, weil jede Predigt ihre Zeit hat bzw. hatte. Es ist schön sie noch einmal zu hören und zu spüren wie man sich zu jeder Zeit bemüht hat, biblische Themen zu vergegenwärtigen.
Eine kurze Geschichte zum Schluss erinnerte daran, wie schwer es doch ist, eine gute Predigt zu halten. Eine Gemeinde in Norddeutschland hatte in drei schwierigen Jahren beschlossen, auf den Pfarrer zu verzichten und die Predigt selber zu halten. Nach einem (!) Versuch haben sie den Pfarrer doch wieder schnell zurückgeholt. So einfach ist das Handwerk der Predigt eben nicht.

Gut, dass es sie noch heute gibt…   
 

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