{"id":37,"date":"2010-03-24T15:45:21","date_gmt":"2010-03-24T14:45:21","guid":{"rendered":"http:\/\/eksm.de\/blog\/seligenthal\/?page_id=37"},"modified":"2014-01-02T14:43:54","modified_gmt":"2014-01-02T13:43:54","slug":"auszug-aus-der-kirchenchronik","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/eksm.de\/blog\/seligenthal\/?page_id=37","title":{"rendered":"Auszug aus der Kirchenchronik"},"content":{"rendered":"<h4><strong><font size=\"4\">Schwierige Zeiten: Auszug aus der Chronik der Kirchengemeinde Seligenthal Kirchenkreis Schmalkalden vom Oktober 1933 bis zum Oktober 1934 <\/font><\/strong><\/h4>\n<p><font size=\"4\">11. Oktober 1933<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Verf\u00fcgung des Landeskirchenamts in Kassel: Pfarrer extr. Fritz W\u00fcpper aus Kassel-B. wird mit der Versehung der Pfarrstelle Seligenthal Kreis Herrschaft Schmalkalden nach erfolgter Ordination beauftragt.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">14. Oktober 1933<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Ordination von 12 Pfarramtskandidaten in der Martinskirche von Kassel durch Kirchenrat D. Merzyn unter Assistenz von Predigerseminardirektor D.Dr.Neubauer und Pfarrer Junghans.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">16. Oktober 1933<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Mein Dienstantritt in Seligenthal beginnt mit einem viert\u00e4gigen Urlaub, da ich meine Kusine Elisabeth W\u00fcpper in Hann.M\u00fcnden trauen sollte.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">20. Oktober 1933<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Morgens Fahrt nach Schmalkalden zu meinem Vorg\u00e4nger im Amt, Pfarrer D\u00f6ll. \u00c4u\u00dferst freundliche Aufnahme. Im Gespr\u00e4ch erfahre ich viele Einzelheiten der beiden vakanten Pfarrstellen Seligenthal (lutherisch) und Floh (reformiert): Am Nachmittag: Busfahrt nach Asbach und von dort Fu\u00dfmarsch bis Struth-Helmershof. Dort herrschte in Dorf und Kirche gro\u00dfe Gesch\u00e4ftigkeit. Denn am 22.10.33 sollte hier das Kreisfrauenhilfsfest stattfinden. es wurden einige hundert Frauen aus dem ganzen Kriegsgebiet erwartet. Kirchenvorstand und Frauenhilfe wetteiferten miteinander, Kirche und Dorf festlich zu schm\u00fccken. Als ich ihnen als der neue Pfarrer vorgestellt wurde, war ihre Freude gro\u00df. Pfarrer D\u00f6ll und ich wandern dann durchs ganze Kirchspiel. In Schnellbach kehren wir bei Kastenmeister Huhn ein; in Floh besuchen wir Hauptleherer Bachmann,der Organist und Kastenmeister zugleich ist. \u00dcberall werde ich als der neue Pfarrer freudig begr\u00fc\u00dft. Diese M\u00e4nner gefallen mir. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit ihnen.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Im Pfarrhaus zu Seligenthal endet unsere Reise. Dort wohnt Johanniterschwester Elisabeth Wackerbarth. Als sie mich herzlich willkommen hei\u00dft, kommt auch schon die erste Frage: \u201cSind Sie verlobt?\u201d Ich wei\u00df, warum sie diese Frage stellt und kann antworten: so gut wie. Damit ist sie zufrieden. Aber schon fragt sie weiter: \u201cSie bleiben doch hier? Wir haben f\u00fcr Sie ein Wohn- und Schlafzimmer eingerichtet. Was soll ich tun? Eigentlich hatte mir Pfarrer D\u00f6ll angeboten, vorerst bei ihnen in Schmalkalden zu wohnen. Aber soll ich die Seligenth\u00e4ler entt\u00e4uschen? Und so sage ich zu, am anderen Tage ins Pfarrhaus zu ziehen.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">21. Oktober 1933<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Einzug ins Pfarrhaus von Seligenthal<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">22. Oktober 1933<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Heute beginnt mein Dienst in der neuen Gemeinde. Um 9.30 Uhr halte ich den ersten Gottesdienst in der sch\u00f6nen gro\u00dfen Kirche von Seligenthal. Sie ist bis auf den letzten Platz gef\u00fcllt. Mit gro\u00dfer Freudigkeit bezeuge ich den vielen Gemeindegliedern, da\u00df Jesus Christus, der gekreuzigte und auf erstandene Herr, auch unser Heiland sein will. Ich sp\u00fcre, wie mit das Wort abgenommen wird. Dar\u00fcber bin ich froh und dankbar.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Um 11 Uhr beginnt der Gottesdienst in Schnellbach. Auch hier ist das Gotteshaus voll besetzt. Beim Kastenmeister Huhn bin ich zum Mittagessen eingeladen. Ich habe nur wenig Zeit, denn um 13 Uhr beginnt in der Struther Kirche das Kreisfrauenhilfsfest. Ich habe das Gru\u00dfwort zu sprechen. Es sind sehr viele Frauen aus dem ganzen Kreisgebiet gekommen. Sie suchen Gemeinschaft und wollen sich Kraft holen f\u00fcr den Kampf in den Gemeinden. Darum ist mein Gru\u00dfwort ein Aufruf, diesen Zusammenhalt in der Kirche zu suchen und sich die Kraft aus dem Glauben an den Herrn Christus schenken zu lassen.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Nach meiner Ansprache mu\u00df ich die Versammlung sofort verlassen, weil in Seligenthal 5 T\u00e4uflinge auf mich warten. In der Kirche von Seligenthal hat Frau Wick, die Hebamme, alles vorbereitet. Von ihr erfahre ich auch, wie die Taufhandlung in Seligenthal vorgenommen wird.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Als ich am Abend R\u00fcckschau halte auf die Ereignisse des Tages, kann ich Gott nur von ganzem Herzen danken f\u00fcr die gute Aufnahme, die mein Dienst gefunden hat.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">23. Oktober 1933<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Der Alltag beginnt. Um die Arbeit in den Griff zu bekommen, mu\u00df ich mir einen Plan machen. Denn zu den beiden Kirchspielen Seligenthal und Floh geh\u00f6ren die D\u00f6rfer: Seligenthal, Atzerode, Hohleborn, Reichenbach, Floh, Schnelllbach mit Nesselhof und Struth-Helmershof. In diesen D\u00f6rfern geh\u00f6ren die Lutheraner zur lutherischen Pfarrei Seligenthal und die Reformierten zur Pfarrei Floh. Die Einwohnerzahl in diesen D\u00f6rfern betrug ca. 6000. In vier D\u00f6rfern befand sich je eine Kirche, in denen jeden Sonntag Gottesdienste zu halten waren. Da mir die Schmalkalder Pfarrer f\u00fcr diese Gottesdienste Hilfe zugesagt hatten, konnte jeden Sonntag Gottesdienst gehalten werden. In den Kirchd\u00f6rfern bestanden Frauenhilfen. In Seligenthal und Floh werden die Frauenhilfen geleitet von je einer Vorsitzenden- in Seligenthal von Frau Rektor Schlag, in Floh von Frau Peter, der Gattin eines M\u00f6belfabrikanten. Beide hielten die Frauenstunden recht selbst\u00e4ndig. Versammlungsort der Frauen waren die Schulen, da kirchliche R\u00e4ume nicht vorhanden waren.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">27. November 1933<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Kreispfarrer Bernhard aus Fambach \u00fcbertr\u00e4gt mir vor den versammelten Kirchenvorst\u00e4nden die Verwaltung der beiden Pfarrstellen Seligenthal und Floh. Pfarrer D\u00f6ll, mein Vorg\u00e4nger im Amt in Seligenthl, war bisher f\u00fcr beide Pfarrstellen Spezialvikar.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Die Frauenarbeit in allen Gemeinden ging z\u00fcgig voran. Dabei habe ich erfahren, wie gut es f\u00fcr einen Pfarrer ist, wenn er die Frauen der Gemeinde sammelt. Er kann ihnen Aufgaben geben. Und ich habe erlebt, mit welchem Engagement die Frauen die Arbeit angefa\u00dft und durchgef\u00fchrt haben. So war es kein Wunder, da\u00df die Mitgliederzahlen in den Frauenhilfen stiegen. Be\u00e4ngstigend f\u00fcr die Ortsgruppenleiter der NSDAP!<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">28. November 1933<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Ich erhalte vom Landeskirchenamt in Kassel die Verf\u00fcgung, da\u00df ich von Mitte Dezember an nach Obersch\u00f6nau bei Steinbach-Hallenberg versetzt w\u00fcrde. Was war geschehen? In Obersch\u00f6nau hatte der Stelleninhaber, Pfarrer Fritz Frey, seine Bu\u00dftagspredigt mit dem Satz begonnen: \u201cTolles Volk, was willst du in der Kirche!&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;..<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">W\u00e4hrend die Untersch\u00f6nauer Kirchenbesucher diesen Satz ruhig hingenommen hatten, waren die Obersch\u00f6nauer schockiert. Das wollten sie sich nicht bieten lassen. Pfarrer Frey bekam solche Schwierigkeiten, da\u00df das Landeskirchenamt ihn in einer Gemeinde des Hanauer Landes versetzte. Und nun sollte ich seine Stelle einnehmen.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Die Nachricht von meiner Versetzung ging wie ein Lauffeuer durch alle Gemeinden. Der Widerstand formierte sich. Die Kirchenvorst\u00e4nde kamen unter Leitung von Pfarrer D\u00f6ll zusammen und berieten, was zu tun sei. Nach einigem Hin und Her einigte man sich darauf, da\u00df eine Abordnung unter der Leitung von Pfarrer D\u00f6ll nach Kassel fahren sollte, um mit der Einstweiligen Kirchenleitung zu verhandeln. Man wollte erreichen, da\u00df ich in Seligenthal bleiben sollte. Als die Abordnung aus Kassel zur\u00fcckkehrte, brachte sie die Nachricht mit, da\u00df der Leiter der Einstweiligen Kirchenleitung, Kirchenrat D. Merzyn, meine Versetzung nach Obersch\u00f6nau r\u00fcckg\u00e4ngig machen w\u00fcrde. \u00dcber diesen Ausgang der Verhandlung herrschte gro\u00dfe Freude in den D\u00f6rfern des Kirchspiels. Immer wieder wurde mir gesagt: \u201cJetzt d\u00fcrfen Sie sich aber auch nicht wegmelden.\u201d<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">3. Dezember 1933<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Schon nach anderthalb Monaten meiner Arbeit in den D\u00f6rfern der Kirchspiele bekomme ich die Gegenseite zu sp\u00fcren. Als ich am Abend des 3.12. in die alte Schule von Struth-Helmershof komme, um die Gruppenstunde der Frauenhilfe zu halten, haben sich in einem Nebenraum viele SA-Leute versammelt. Kaum habe ich die Gruppenstunde begonnen, als B\u00fcrgermeister und Ortsgruppenleiter in SA-Uniform erscheint und den Frauen erkl\u00e4rt: Er habe einen anonymen Brief erhalten, in dem die NS-Frauenschaft angegriffen und beleidigt w\u00fcrde. Da er vermute, da\u00df der Schreiber des Schm\u00e4hbriefes in den Reihen der Frauenhilfe zu suchen sei, w\u00e4re er gekommen, um eine Schriftprobe der Frauen vorzunehmen. Er hatte Papier und Bleistifte mitgebracht, die ich an die Frauen austeilte. Als ich einen Text diktiert hatte, wollte der B\u00fcrgermeister die Zettel einsammeln. Doch das nahm ich ihm ab und erkl\u00e4rte: Den Vergleich der Schriftproben w\u00fcrde ich durchf\u00fchren. Der B\u00fcrgermeister ist damit einverstanden. Er sagt dann aber noch; In der Frauenhilfe ist ein geschlossener Wille gegen das Winterhilfswerk und besonders gegen den Nationalsozialismus. Ich bestritt diese Annahme und sagte: Mein Eindruck von der Frauenhilfe in Struth sei besonders gut. Nat\u00fcrlich mu\u00dfte der B\u00fcrgermeister gegen die Frauenhilfe sein, weil ihr Wachsen ein Zustandekommen der NS-Frauenschaft sehr erschwerte.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Als der B\u00fcrgermeister gegangen war, fragte ich die Frauen; \u201cWer will eine Frauenhilfsbrosche bestellen?\u201d Spontan meldeten sich 60 Frauen, obwohl ich darauf hinwies, da\u00df das Tragen der Brosche nicht nur ein Bekenntnis zur Frauenhilfe, sondern ein Bekenntnis zur Kirche, ja zu Christus selbst sei. Ich habe mich \u00fcber das Zusammenstehen der Frauen sehr gefreut und war dankbar.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">In der Adventszeit wurden die Gruppenstunden in den Frauenhilfen besonders gestaltet. Wir lernten manches neue Lied und viele Kanone. Als ich in Struth mit dem Ein\u00fcben eines Kanons beginnen wollte, riefen die meist \u00e4lteren Frauen: \u201cWir k\u00f6nnen doch keine Noten!\u201d Ich antwortete: \u201cDas ist auch nicht n\u00f6tig. Sie m\u00fcssen nur auf meine Hand sehen. Die gibt Ihnen die H\u00f6he der T\u00f6ne an.\u201d So habe ich mit den Frauen viele neue Lieder und Kanons einge\u00fcbt. Und sie wurden mit Freuden gesungen.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">23. Dezember 1933<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">An diesem Tage kann ich meiner Braut berichten: \u201cDer Kampf in Struth ist ziemlich beigelegt. Der B\u00fcrgermeister ist wie umgewandelt.\u201d Wie bin ich Gott dankbar!<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Auch in Seligenthal und Schnellbach stiegen die Besucherzahlen der Frauenstunden. Dar\u00fcber waren die B\u00fcrgermeister und Ortsgruppenleiter sehr \u00e4rgerlich. \u00dcber die Treue und Unerschrockenheit der Frauen war ich immer wieder erfreut. In Seligenthal stand mir ein Leitungsteam zur Seite: Frau Rektor Schlag, Johanniterschwester Elisabeth Wackerbarth, die Gattin des Hauptlehrers Pfl\u00fcger und die Lehrerin Beum. Diese bereiteten die Gruppenstunden sehr sorgf\u00e4ltig vor, so da\u00df ich mich um keine \u00c4u\u00dferlichkeiten zu k\u00fcmmern brauchte. In Schnellbach hatte diese Aufgabe Frau E.B\u00fcchner \u00fcbernommen und vorbildlich durchgef\u00fchrt.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">In den vorweihnachtlichen Tagen hatte ich nicht nur viel Kampf. Ich erlebte noch viel mehr Freude. In Schnellbach \u00fcberraschte mich der Nikolaus mit einem Korbe mit E\u00dfbarem; in Seligenthal schenkten mir die Fauen einen Weihnachtsbaum, andem viel n\u00fctzliche Sachen hingen. Der Jungm\u00e4dchenkreis, den ich auch leitete, \u00fcberreichte mit mit einem Gedicht eine Brotb\u00fcchse. Als ich mir kurz vor Weihnachten eine kaufen wollte, riet mir meine Haushilfe, Frau K\u00fchn davon ab mit den Worten, es g\u00e4be sicher noch Dringenderes. Ich verstand den Wink und unterlie\u00df den Kauf.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Ich halte bei der Weihnachtsfeier der NS-Frauenschaft in Seligenthal die Festansprache.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">24. Dezember 1933<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Am Nachmittag halte ich bei der Hilterjugend und dem Bund deutscher M\u00e4dchen die Weihnachtsfeier im Walde.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">25. Dezember 1933<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">F\u00fcr den 1.Christfeiertag hatte ich die Gemeindeglieder von Seligenthal zu einer Lichterkirche um 7 Uhr eingeladen. Das war neu. Meine bange Frage war: Wer wird kommen? Da\u00df Frauenhilfe und Jungm\u00e4dchenkreis stark vertreten sein w\u00fcrden, wu\u00dfte ich. Aber die anderen?! In den vorweihnachtlichen Tagen habe ich viel gebetet. Als ich am 1. Christfeiertag kurz vor 7 Uhr in die Kirche kam, war sie bis auf den letzten Platz besetzt und glich einem Lichtermeer. Weil dieser Gottesdienst so sehr angesprochen hatte, soll er f\u00fcr das Christfest 1934 beibehalten werden.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Am Sonntag, dem 3. Advent, erscheinen gegen Abend eine Anzahl Konfirmanden in meinem Haus und bitten: ich m\u00f6chte morgen mit ihnen eine Pferdeschlittenfahrt zum Vierpfennighaus machen. Als ich fragte: \u201cHabt Ihr denn keine Schule?\u201d antworteten sie: \u201c Das Schulfrei m\u00fcssen Sie uns bei unserem Lehrer holen.\u201d Und schon hatten sie mich auf ihren Schlitten gesetzt und mit Hallo fuhren sie mich zu ihrem Lehrer. Der war einverstanden unter der Bedingung, da\u00df er und seien Frau mitfahren d\u00fcrften. Das war selbstverst\u00e4ndlich. Ein Pferdeschlitten war schnell beschafft. Ein Erntewagen wurde mit Kufen versehen und so zum Schlitten umfunktioniert. \u00dcber Floh, Schnellbach und Nesselhof f\u00fchren wir Richtung Tambach-Dietharz zum Vierpfennighaus, einem Waldgasthaus. Es war eine wundervolle Fahrt durch den herrlich verschneiten Wald. Im Gasthaus w\u00e4rmten wir uns auf und erlebten dort eine Wildf\u00fctterung mit. Das war eine gro\u00dfe Sache, wenn im Laufe des Nachmittags \u00fcber 40 St\u00fcck Dam- und Rotwild erschienen. \u00dcber Spie\u00df- und Heuberghaus fuhren wir dann nach Seligenthal zur\u00fcck, wo uns die Eltern der Konfirmanden schon sehns\u00fcchtig erwarteten.<\/font><\/p>\n<h4><font size=\"4\">1934 <\/font><\/h4>\n<p><font size=\"4\">Jugendarbeit<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">In den beiden Kirchspielen Seligenthal und Floh fand ich nur in Seligenthal einen Jungm\u00e4dchenkreis vor. Ich habe die Leitung dieses Kreises \u00fcbernommen und konnte erleben, da\u00df die Besucherzahl immer mehr anstieg. Es waren fast 100 junge M\u00e4dchen, die sich zum Kreis gemeldet hatten. Die Gruppenstunden waren immer sehr gut besucht.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">In den ersten Tagen des neuen Jahres kam eine BdM-F\u00fchrerin zu mir und bat mich, die M\u00e4dchen des Jugendkreises einzuladen, den neu zu gr\u00fcndenden BdM beizutreten. Ich sagte ihr, da\u00df wir warten wollten, bis die anstehende Eingliederung der evangelischen Jugend in die Hilterjugend vollzogen sei. Sie war damit einverstanden.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">15. Januar 1934<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Meine Eltern kommen zu Besuch. Sie wollen die Wirkungsst\u00e4tte ihres Sohnes kennenlernen.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Am Donnerstag, dem Januar f\u00fchle ich mich nicht wohl. Ich will zu Hause bleiben. Aber eine innere Stimme sagt mir: \u201cDas darfst Du nicht.\u201d Also radle ich gegen 19 Uhr nach Schnellbach. Als ich in der Schule die T\u00fcr zu dem Klassenraum \u00f6ffne, in dem die Frauenhilfe tagt, ist er \u00fcberf\u00fcllt. Wir haben Besuch von der Frauenhilfe aus Asbach. \u00dcber 30 Frauen haben den weg \u00fcber den Berg nach Schnellbach nicht gescheut, um im Kreise Gleichgesinnter sich Kraft, Mut und Freudigkeit f\u00fcr ihren Kampf in ihrer Gemeinde zu holen. Als sie fortgingen , riefen sie:\u201dWir kommen wieder!\u201d Ich halte es f\u00fcr eine gute Sache, wenn in Krisenzeiten die Christen sich gegenseitig besuchen und st\u00e4rken.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">30. Januar 1934<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">An diesem Tag &#8211; dem Jahrestag der Machtergreifung durch Adolf Hitler, sind in den Gemeinden Dankgottesdienste angesetzt. Um 17 Uhr begann ich in Struth; 18.30 Uhr in Floh; 20 Uhr in Seligenthal. \u00dcberall waren die Kirchen bis auf den letzten Platz gef\u00fcllt. Als Predigtext nahm ich das Wort Jesu Lukas 17,10: Wenn Ihr alles getan habt&#8230;<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">An diesem Worte habe ich aufgezeigt, da\u00df nach dem Willen Jesu unser ganzes Leben Dienst sein soll und zwar Dienst ohne Erwartung von Anerkennung. Dieser Dienst ist darum kein Suchen nach Beifall oder Haschen nach Erfolg, sondern ist ein Dienst, den man tun darf als ein lebensfroher und tapferer Mensch. Damit ist aber auch der Gedanke zur\u00fcckgewiesen, den man so oft h\u00f6ren kann: Ich tue meine Pflicht. Hinter dieser Anschauung steckt so wenig Lebensschwung. Diese Pflicht ist wie ein d\u00fcrrer magerer Klepper, der m\u00fcrrisch seinen Weg dahin trottet und immer wieder mit Peitschenhieben angetrieben werden mu\u00df. Wir brauchen aber Menschen, die mit Freudigkeit ihren Dienst tun an der Stelle, an die sie Gott im Leben gestellt hat.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">in der letzten Januarwoche des Jahres 1934 fand ein Treffen der NS-Frauenschaft und der Frauenhilfe in Seligenthal statt. Es stand unter dem Thema: \u201cDie Bedeutung der Frau als Mutter im Volksleben.\u201d Ich heilt \u00fcber dieses Thema ein Referat und Frau Rektor Schlag hatte in feinsinniger Weise Lieder und Gedichte ausgew\u00e4hlt, die sich um das Thema des Abends rankten.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">4. Februar 1934<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Ich halte in der NS-Frauenschaft einen Vortrag \u00fcber das Thema \u201cErziehung\u201d. Man versucht mit allen Mitteln, mich in die Arbeit der NS-Frauenschaft hineinzuziehen.<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">13.Februar 1934<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Ich erhalte einen Brief des Ortsgruppenleiters der NSDAP und B\u00fcrgermeisters M\u00f6ller, Anla\u00df des Briefes war eine Bemerkung von Frau Pfannstiel, einer ganz treuen Frauenhilfsfrau, zu einigen Frauen aus Reichenbach, die auf dem Wege zu einer Zusammenkunft der NS. Frauenschaft Seligenthal waren: Seid ihr auch schon aufgewedelt? Diese Bemerkung h\u00e4lt der B\u00fcrgermeister f\u00fcr eine Beleidigung der NS-Frauenschaft. Er droht mit Meldung an seine vorgesetzte Beh\u00f6rde, ja sogar mit Aufl\u00f6sung de Frauenhilfe. Im Vollgef\u00fchl seiner Macht will er mir vorschreiben, was ich zu predigen und zu sagen h\u00e4tte. Dieser Brief brachte das ganze Dorf in Aufregung. Viele Gemeindeglieder, die sich sonst sehr zur\u00fcckgehalten hatten, bezeugten mir ihre Sympathie. Ich habe mit vielen kirchlichen und staatlichen und kirchlichen Stellen telefoniert. \u00dcberall erhielt ich die Antwort: Der B\u00fcrgermeister kann die Frauenhilfe nicht aufl\u00f6sen. der Erm\u00e4chtigungsparagraph, auf den sich der B\u00fcrgermeister berief, war gegen die Kommunisten gerichtet. Jedes Mal wenn ich ihm die Nachricht brachte, er h\u00e4tte ungesetzlich gehandelt, war seine stereotype Antwort: Was wollen Sie. Wir haben die Macht. Uns allen beschlich eine geheime Angst. Was kann daraus werden?!<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\">Mitte Februar 1934 schlie\u00dft die evangelische Jugend mit der Hilterjugend (gezwungen, nicht freiwillig) den sogenannten Eingliederungsvertrag. Danach werden alle Jugendgruppen in die Gliederungen der Hilterjugend (HJ und BdM) \u00fcberf\u00fchrt. Auch in Seligenthal mu\u00df ich den Jungm\u00e4dchenkreis eingliedern lassen. Trotz des Vertrages bleiben die M\u00e4dchen zusammen. Nun nicht mehr unter dem Namen Jungm\u00e4dchenkreis sondern mit dem neuen Namen \u201dBibelschar\u201d. Au\u00dferdem richte ich &#8211; nach Geschlechtern getrennt &#8211; Gemeindejugendabende ein, an denen sich in der ersten Zeit auch Jungen und M\u00e4dchen aus der HJ und BdM beteiligten. Denn die Kirche kann auf die Jugend nicht verzichten\u2026<\/font><\/p>\n<p><font size=\"4\"><\/font><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Schwierige Zeiten: Auszug aus der Chronik der Kirchengemeinde Seligenthal Kirchenkreis Schmalkalden vom Oktober 1933 bis zum Oktober 1934 11. Oktober 1933 Verf\u00fcgung des Landeskirchenamts in Kassel: Pfarrer extr. 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